Ein Rehkitz rennt nicht weg. Das überrascht viele Menschen. Wer im Frühsommer ein Kitz im Gras entdeckt, sieht ein Tier, das reglos liegen bleibt, selbst wenn man nah herankommt. Das ist kein Zufall und keine Schwäche. Es ist eine ausgefeilte Überlebensstrategie, die über lange Zeit entstanden ist. Um sie zu verstehen, lohnt ein Blick auf die ersten Lebenswochen eines Rehkitzes.
Geboren als Ablieger
Rehkitze kommen im Mai und Juni zur Welt, mitten in der Setzzeit. Anders als ein Fohlen, das der Mutter schon nach Stunden folgt, gehören Rehkitze zu den sogenannten Abliegern. Die Ricke, also die Mutter, legt ihr Kitz an einem geschützten Ort ab und entfernt sich wieder. Sie kehrt nur zum Säugen zurück, mehrmals am Tag und meist in der Dämmerung. Den Rest der Zeit liegt das Kitz allein. Das klingt hart, hat aber einen guten Grund. Ein einzelnes, verstecktes Kitz ist schwerer zu finden als eine Familie, die gemeinsam unterwegs ist.
Fast ohne Geruch und ohne Bewegung
In den ersten Wochen sind Rehkitze nahezu geruchlos. Ihr Fell gibt kaum Eigengeruch ab. Für Fressfeinde wie den Fuchs, die vor allem über die Nase jagen, ist das ein wirksamer Schutz. Dazu kommt das gefleckte Fell. Die hellen Punkte auf braunem Grund wirken im Sonnenlicht wie Lichtflecken zwischen den Halmen. Das Kitz bewegt sich kaum und verbringt den größten Teil des Tages regungslos in Deckung. Wer sich nicht bewegt und nicht riecht, wird kaum entdeckt.
Der Drückinstinkt
Das zentrale Verhalten nennt man Drückinstinkt. Bei Gefahr flüchtet das Kitz nicht, sondern presst sich flach auf den Boden und verharrt. Atmung und Herzschlag verlangsamen sich. In den ersten beiden Lebenswochen ist dieser Reflex am stärksten. Erst ab der dritten Woche wird er nach und nach vom Fluchtinstinkt abgelöst. Dann wird das Kitz kräftiger, folgt der Ricke häufiger und beginnt, bei Gefahr wegzulaufen. Bis dahin ist Stillhalten die beste und einzige Verteidigung.
Wenn der Schutz zur Falle wird
Genau dieser Reflex wird bei der Mahd lebensgefährlich. Ein Mähwerk ist kein Fuchs. Es sucht nicht, es fährt. Das Kitz bleibt liegen, während die Maschine näher kommt, weil sein Instinkt ihm das Stillhalten befiehlt. Wegrennen wäre die einzige Rettung, doch dazu ist es in den ersten Wochen nicht in der Lage. Erschwerend kommt hinzu, dass die Setzzeit genau mit dem ersten Grasschnitt zusammenfällt. Das hohe, dichte Gras, das die Ricke als sicheren Ort wählt, ist für den Landwirt reifes Futter.
Warum die Wärmebildkamera die Lösung ist
Gegen Tarnung und Geruchlosigkeit hilft kein bloßes Auge und keine Nase. Von einem Traktor aus ist ein liegendes Kitz im hohen Gras kaum zu erkennen. Eine Menschenkette übersieht viele Tiere und braucht viel Zeit. Die Wärmebildkamera umgeht das Problem, denn sie sucht nicht nach Form oder Farbe, sondern nach Wärme. In den kühlen Stunden vor Sonnenaufgang leuchtet der Körper des Kitzes im Bild deutlich auf. So wird ausgerechnet das, was das Kitz in der Natur schützt, seine Reglosigkeit im kalten Gras, zum entscheidenden Hinweis für seine Rettung.

